Warum Feministin kein Schimpfwort ist

Hätte man mich vor einiger Zeit gefragt, wie ich zum Feminismus stehe, hätte ich darauf wahrscheinlich nur mit den Schultern gezuckt. Ich habe mich nie für eine Feministin gehalten und mir über dieses Thema auch keine großartigen Gedanken gemacht. Das kommt aber vor allem daher, weil mir (eben weil ich mich damit nie beschäftigt habe) auch komplett die Sensibilität dafür gefehlt hat.

Ich hatte nie das Gefühl, Frauen könnten oder dürfen weniger als Männer. Ich bin mit einer Mutter aufgewachsen, die neben zwei Jobs eben noch den Haushalt und die Kindererziehung gewuppt hat und das war meine Normalität, von der ich ausgegangen bin, sie wäre auch die Normalität aller anderen. Es war für mich nie ein Widerspruch, Hauptverdienerin und eine tolle Mutter sein zu können. Man hat mir nie aufgrund meines Geschlechtes irgendwelche Chancen verwehrt oder versucht, mir meine Träume auszureden. Abitur zu machen und etwas studieren zu können, was ich wirklich liebe und sich keinerlei Gedanken zur Familienplanung etc. zu machen, ohne dafür gehässige Kommentare zu bekommen, war für mich selbstverständlich.

Aber was hat sich jetzt genau geändert? Um es mit meinem Repetitor zu sagen, der immer gerne Aristoteles heranzieht: „Wenn du mit mir diskutieren willst, definiere mir erst deine Begriffe“. Oder weniger geschwurbelt: Wir müssen wissen, wovon wir reden, wenn wir miteinander reden wollen.

Was bedeutet also Feminismus für mich?

Es bedeutet, für die Gleichberechtigung von Frau und Mann einzustehen. Sich dafür einzusetzen, dass wir alle sensibler werden, Diskriminierungen aufzeigen und beseitigen wollen. Für eine achtsame und gleichgestellte Gesellschaft zu kämpfen. Augen öffnen wollen, aber auch sich selbst vor Kritik und vor allem Reflexion nicht zu verschließen.

Es bedeutet, sich natürlich auch für die Gleichberechtigung von Männern einzusetzen, dort wo dies nötig ist. Nach einer Gesellschaft zu streben, in der ein Mann sich Elternzeit nehmen kann ohne belächelt zu werden, ohne gefragt zu werden „Hast du denn keine Frau? – Ist dir die Arbeit zu anstrengend?“. Aber eben auch in einer Gesellschaft leben zu wollen, in der eine Frau nach der Geburt ohne als Rabenmutter abgestempelt zu werden wieder arbeiten gehen kann wenn sie das möchte oder eben so lange zu Hause bei ihrem Kind bleiben kann, wie es ihr Wunsch ist. Für eine Selbstverwirklichung ohne gesellschaftliche und geschlechterbedingte Stigmata.

Das ist erst einmal eine zugeben kurze Definition, die aber für mich alles Wichtige enthält. Feminismus ist eben nicht Männerhass, der Wunsch nach Privilegien, Streitsucht und so vieles mehr, was einem direkt entgegnet wird, wenn man mit einem klaren Standpunkt in eine Diskussion eintritt.

Feminismus und #metoo

Viel zu lange habe ich und haben viele andere Frauen und auch Männer viele Dinge einfach hingenommen, für normal gehalten, nicht hinterfragt. Vor allem im Zuge der #metoo Kampagne habe ich gemerkt, dass so viel, das mir passiert ist, auch unfassbar vielen anderen Frauen passiert ist und noch passiert.

Das ständige Gegrabsche „aus Versehen“, die Pfiffe und Sprüche auf der Straße. Kommentare wie „Na, so hübsch wie Sie sind, weiß ich ja, warum Ihr Chef Sie angestellt hat“, Belästigungen, Beleidigungen, Bedrohungen. All das ist Alltag für mich und für viele Frauen.

Jetzt würde ich mich als einen Menschen beschreiben, der sich ungerne etwas sagen lässt und auch gerne mal kontert und für seine Rechte einsteht. Von mir kommen eigentlich immer Widerworte, wenn ich mich belästigt oder benachteiligt fühle, aber oft macht es das nur noch schlimmer. Dann „ziert“ man sich nämlich, möchte „spielen“ und ist eine „Herausforderung“. „Nein danke, ich habe kein Interesse“ wird als Aufforderung verstanden, die Frau doch nur noch ein bisschen mehr zu bedrängen.

Ich habe die Erfahrung machen müssen, dass ein Nein dazu führt, verfolgt zu werden, 100 Anrufe und Nachrichten pro Tag zu bekommen, die meisten Beleidigungen. Dass manche Männeregos eine Absage einfach nicht verkraften und mit solchen Machtspielchen meinen, die „natürliche Ordnung“ wiederherstellen zu müssen. Das ist natürlich ein Extrembeispiel und ich bin froh, dass es nicht die Regel ist, aber solche Dinge passieren. Täglich.

Ich bin einfach müde. Ich möchte, dass mein „Nein“ eben genau als das akzeptiert wird. Dass ich in Ruhe gelassen werde, wenn ich es verlange. Dass man keine ungefragten Kommentare über mein Äußeres von sich gibt. Egal wie „gut gemeint“ sie doch waren.

Akzeptanz und Respekt, eigentlich gar nicht so kompliziert und nicht zu viel gewollt oder?

Warum jetzt Feminismus?

Und warum brauchen wir jetzt Feminismus? Ist doch alles supi, Frauen dürfen wählen und arbeiten. Ja, solche Kommentare gibt es tatsächlich zur Genüge. Daher nur ein kleiner Anschnitt der vielfältigen Problemfelder.

Frauen verdienen weniger als Männer.

„Frauen verdienen 21% weniger als Männer.“ – Dass das so nun auch nicht ganz richtig ist und wie der „Gender Pay Gap“ eigentlich berechnet wird, könnt ihr zum Beispiel beim Faktenfinder der Tagesschau nachlesen.

In diesem Zusammenhang möchte ich euch auch gerne auf den offenen Brief der BBC Journalistin Carrie Gracie EN aufmerksam machen, die Ihren Job kündigte, nachdem Sie erfuhr, wie viel mehr Ihre männlichen Kollegen verdienen, obwohl Ihr zugesagt wurde, dass es keinen Lohnunterschied geben werde.

Die unterschiedliche Bildungs- und Berufswahl von Frauen und Männern wird durch geschlechtsspezifische Stereotypen beeinflusst. So gab der Beschäftigungsüberblick der OECD aus dem Jahre 2002 an, dass das Verhalten von Frauen am Arbeitsmarkt durch die angelernten kulturellen und sozialen Wertvorstellungen beeinflusst wird, da gewisse Berufe und Lebensstile als „typisch männlich“ bzw. „typisch weiblich“ empfunden werden. Darüber hinaus wird angenommen, dass die Studienwahl von Frauen auch von der Erwartung geleitet sei, dass ihnen bestimmte Beschäftigungsmöglichkeiten nicht offenstehen, wie auch von Geschlechtsvorstellungen der Gesellschaft, in der sie leben. – Wikipedia zur OECD Studie

Ihr seht, die Gründe sind vielfältig und hier nicht alle darstellbar. Mehr Teilzeit, schlechter entlohnte Berufsgruppen, nicht genügend Dominanz beim Gespräch über die Gehaltserhöhung – alles in allem kommen da weniger schlaue Menschen auf die Idee, dass die Frauen ja halt selbst schuld an der Misere sind.

Das gute alte Rollenbild

Warum arbeiten denn immer noch so viele Frauen in Teilzeit? Weil von Frauen erwartet wird, ihren Job hinzuschmeißen und nur noch Hausfrau und Mutter zu sein, sobald Nachwuchs auf dem Weg ist. Selbst liberalere Männer haben immer noch ein Problem damit, sich Elternzeit zu nehmen und wenn, dürfen sie sich dafür dumme Kommentare anhören. Das Bild des Mannes als Alleinversorger der Familie ist genauso wenig überwunden wie das der Frau als Hausmütterchen und schadet allen.

In meinem Freundeskreis merke ich, wie sich langsam aber beständig die Dinge ändern. Ein guter Freund ist jetzt ein Jahr in Elternzeit, seine Frau geht wieder arbeiten und alle sind zufrieden damit. Die beiden sind mit diesem Modell nicht alleine. Wenn ich mich Bekannten und Freunden über Feminismus rede, sind die meisten offen und interessiert, bei älteren Menschen ist eher das Gegenteil der Fall. Ich bin keine Soziologin, ich kann auch nur mutmaßen woher das kommt, das möchte ich aber hier gar nicht. Ich freue mich einfach über jeden, der bereit ist, den Diskurs zu führen und seine Meinung und Einstellung zu überdenken. Es ist allerdings noch ein langer Weg.

Wir reden anders über Frauen als wir über Männer reden

Es geschieht oft unterbewusst und hat doch verheerende Folgen. Wir benutzen im Hinblick auf unser Gegenüber verschieden Formulierungen, abhängig vom Geschlecht.

Eine Frau, die ihre Meinung sagt und dabei nicht ständig nett lächelt und mit den Wimpern klimpert hat dann gerne mal „Haare auf den Zähnen“. Der Witz an der Sache?

Früher galt starke Behaarung für große Männlichkeit, für Kraft und große Couragiertheit. Hat jemand Haare an Stellen, an denen gewöhnlich keine wachsen, so sind diese Eigenschaften besonders ausgeprägt. Früher gab es auch die Redensart Haare auf der Zunge haben. Die Wendung wurde dann auf die bissige, schroffe Art einer Frau bezogen. Anderen Quellen zufolge hieß es ursprünglich „Haare auf den Zehen haben“. Da hauptsächlich bei Männern Haare auf den Zehen wachsen, war dies eine Umschreibung für eine besonders „männliche“ Frau. – Quelle: Wiktionary

Was bei Männern also eine positive Eigenschaft ist, wird automatisch negativ besetzt, sobald eine Frau sich so benimmt. Einen Mann würden wir in dieser Situation mit „durchsetzungsstark“ beschreiben oder ihm „Führungsqualitäten“ zusprechen.

Auch allseits beliebt ist „Die hat sicherlich ihre Tage / lange keinen Sex mehr gehabt“ wenn eine Frau sich erdreistet, Widerworte zu geben oder mitdiskutieren zu wollen. Schön erstmal eine erniedrigende Anspielung bringen anstatt sich mit der Situation an sich auseinandersetzen zu wollen, das hilft bestimmt.

Generell wird sich bei Diskussionen gerne sofort auf die persönliche Ebene begeben wenn es um eine Frau geht anstatt sich sachlich mit den tatsächlichen Themen zu beschäftigen. Das und die Art, wie wir „starke“ Frauen beschreiben, führt dazu, dass eben diese nicht ernst genommen werden.

Fazit

Das ist nur ein erster Überblick meiner Gedanken, die mich in letzter Zeit in diesem Zusammenhang beschäftigt haben. Es gibt noch unzählige Aspekte, auf die ich gerne genauer eingehen würde, gerne in neuen Beiträgen, wenn euch dieser hier gefallen hat.

Wenn ihr bisher noch vorurteilsbehaftet gewesen seid was Feminismus angeht, beschäftigt euch bitte damit und bildet euch eure Meinung aus mehr als nur einer Quelle. Ihr werdet sehen, Feministin genannt zu werden eignet sich nicht als Beschimpfung, es ist vielmehr ein Kompliment für euren Einsatz und eure Offenheit. Jeder, der es anders benutzt hat nicht verstanden, worum es beim Feminismus geht.

Und was soll ich jetzt tun?

Zuhören, verstehen, annehmen. Das ist schon einmal ein erster und wichtiger Schritt. Nicht schweigen, wenn du in deinem Umfeld Diskriminierungen egal welcher Art wahrnimmst. Den Mund aufmachen, die Hand reichen, da sein. Dich nicht von Clickbait-Überschriften verängstigen oder verärgern lassen sondern nachfragen, selbst recherchieren.

Kumail Nanjiani zeigt, wie so etwas aussehen kann.

Wie ist euer Verständnis von Feminismus? Habt ihr euch damit schon einmal näher beschäftigt?


Links zum Verständnis und zur Vertiefung

«Die sexuell selbstbestimmte Frau ist eine Fata Morgana» – Die Psychologin Sandra Konrad über den Zustand der Gleichberechtigung

Wo die großen Egos wachsen – Julia Bähr über Geschlechterrollen bei Identifikationsfiguren

Ab wann ist jemand eine Feministin? – Interview mit der Soziologin Marianne Schmidbaur

Will der Feminismus uns alle umerziehen? – Kritische und sehr gelungene Auseinandersetzung der Diskussion zwischen Maria Furtwängler und Claus Kleber im heute-journal (der übrigens ein Paradebeispiel dafür ist, wie man es nicht macht, indem er ihr mehrfach ins Wort fällt und aufgrund seiner Fragen schon zeigt, dass er keinerlei Interesse an einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema hat)

7 Argumente gegen Feminismus im Check – Anne Wizorek gibt super Diskussionsargumente an die Hand

Gewalt gegen Frauen ist Gewalt von Männern – Sexismus und Sprache

Genderdiskriminierung: 10 Beispiele für alltäglichen Sexismus – und was Sie dagegen tun können

Wer braucht Feminismus?

The abrasiveness trap: High-achieving men and women are described differently in reviews EN

Lily Evans auf Twitter über die Frage, warum Frauen sich in der Öffentlichkeit oft „abweisend“ Männern gegenüber verhalten EN

Why Did Catherine Deneuve and Other Prominent Frenchwomen Denounce #MeToo? EN Sehr schöne Auseinandersetzung mit der Forderung nach der „Freiheit zu belästigen“


 

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