Mit fiftyfifty unterwegs auf den Straßen Düsseldorfs

Durch den Aufruf von Christian bin ich im November auf die von fiftyfifty organisierte alternative Stadtführung aufmerksam geworden und so kam es, dass wir Anfang Dezember mit über 20 interessierten Menschen vor dem fiftyfifty Büro standen und gespannt auf die Stadtführung warteten.

So kommt es, dass ihr hier heute kein weiteres Gewinnspiel findet, sondern einen kleinen Erfahrungsbericht und vor allem ein paar Worte zu Empathie und dem täglichen Miteinander.

Wenn du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von deinen. Und wenn ich mich vor dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest du von mir mehr als von der Hölle, wenn dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich (…) stehen, wie vor dem Eingang zur Hölle. – Franz Kafka

Ich glaube, wäre es nach den Teilnehmern gegangen, hätte die Stadtführung ewig dauern können. Es gab so viel zu entdecken und so viele Fragen, denn normalerweise hat sich kaum einer schon wirklich mal länger als 2 Minuten mit einem fremden, wohnungslosen oder armen Menschen unterhalten. Vielleicht ist es eine generelle Abneigung oder Unverständnis, manchmal auch nur Stress. In jedem Fall verdrängt man gerne die, die am Rande der Gesellschaft sowieso schon ständig übersehen werden. Davon nehme ich mich definitiv nicht aus, habe aber durch die Stadtführung gelernt, mich mit dem Thema Wohnungslosigkeit zu beschäftigen und einen anderen Blick darauf zu entwickeln.

Ich möchte gar nicht so viele Details von der Stadtführung wiedergeben, ich glaube, man muss die Atmosphäre und die ausführlichen Erklärungen der Stadtführer selbst gespürt und gehört haben, um sich auch nur ansatzweise ein Bild von dem Leben auf der Straße machen zu können und zu verstehen, wie es wohnungslosen Menschen geht und sie mit ihrer Situation umgehen. Heute geht es mir einfach darum, sich (nicht nur zu Weihnachten) regelmäßig ins Gedächtnis zu rufen, dass es da draußen Menschen gibt, deren Schicksal wir uns kaum vorstellen können, denen wir aber auf einfachste Weise wenigstens ein kleines bisschen Unterstützung bereiten können.

Damit meine ich nicht nur obdachlose Menschen im speziellen, Menschen in Krisengebieten, Entwicklungsländern oder eben auch vor der eigenen Haustür – Schicksalschläge gibt es überall und Wegsehen ist denkbar einfach. Hinschauen und helfen nicht, aber es lohnt sich. 

Wege in die Obdachlosigkeit gibt es viele. Hinaus auch. Aber fast keiner ist ohne Hilfsbereitschaft und Unterstützung möglich.

Es fängt mit netten Worten und einer offenen Einstellung Fremdem und Unbekanntem gegenüber an. Auch wenn man glaubt, sowieso nichts ändern zu können, stimmt das nur in den seltensten Fällen. Es braucht aber natürlich Überwindung und Mut sich auch mit Neuem zu befassen – die Erfahrungen die man dadurch macht, lassen einen aber unfassbar wachsen. Sei es nun eine Geldspende, ein Schlafsack, ein freundliches Wort oder eine ehrenamtliche Tätigkeit – wir können zusammen so viel Gutes bewirken. Wir müssen nur damit anfangen.

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Die beiden folgenden Bilder wuden mir netterweise von Christian Feculak zur Verfügung gestellt, seinen Bericht zur Stadtführung findet ihr hier.

Worum geht es bei der alternativen Stadtführung?

An bekannten Plätzen wie der KÖ, der Altstadt oder dem Hauptbahnhof bleiben vielen Menschen bestimmte Blickwinkel auf die Stadt verborgen. Eine circa zweistündige Stadtführung, die vom zakk und von fiftyfifty initiiert wurde, ändert dies:

Gemeinsam mit armen und wohnungslosen Menschen, die Düsseldorf aus einer anderen Lebenswelt kennen, werden verborgene Orte für Interessierte offen gelegt.

Wo übernachten Wohnungslose? Wie strukturiert man seinen Tag, wenn man keine Wohnung hat? Wo befinden sich Anlaufstellen? Was zeichnet einen guten fiftyfifty-Verkaufsplatz aus? Was bedeutet das Thema Sucht in diesen Zusammenhängen? TeilnehmerInnen des Stadtrundgangs erhalten im Kontakt mit VerkäuferInnen des Straßenmagazins Antworten auf diese Fragen.

Straßenleben – der Stadtrundgang stärkt das Verständnis für Wohnungslosigkeit und Armut und zeigt, dass Düsseldorf nicht nur eine Stadt der Reichen ist, sondern eine Stadt der starken Kontraste. – strassenleben.org

Wo kann ich anfangen?

Wohnungslose und arme Menschen wollen meist genauso wenig, wie alle anderen Menschen, ignoriert, begafft oder beleidigt werden. Kein Mensch kann auf seine Wohnungslosigkeit reduziert werden. Ein natürlicher und wertschätzender Umgang, ohne Ängste und Abneigung ist in den meisten Fällen wünschenswert. Berührungsängste, abschreckende Vorurteile und gesellschaftliche Ausschlussprozesse bestehen. Diese von der Gesellschaft und damit von jedem Einzelnen produzierten Probleme können auch nur von der Gesellschaft behoben werden. Wissen, wie und warum es zur Wohnungslosigkeit kommt, kann dabei helfen Verständnis und dadurch einen „normalen“ Umgang mit wohnungslosen Menschen zu entwickeln.

So können Ausschlussprozesse verhindert werden. Außerdem gilt es mit offenen Augen durch die Welt
zu gehen, um Diskriminierung und Ungerechtigkeit möglichst früh zu erkennen. Ein erster Schritt in diese Richtung kann die aktive Teilnahme am Stadtrundgang “Straßenleben” sein, wo Raum für Fragen gegeben wird. – strassenleben.org

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Wenn ihr die Möglichkeit habt, an solch einer Stadtführung oder etwas Ähnlichem teilzunehmen – tut es! Für weitere Hintergrundinformationen empfehle ich euch die eigens dafür gestaltete Broschüre von fiftyfifty. Danke für dieses beeindruckende Erlebnis.

Ich wünsche euch wunderbare Feiertage und eine tolle Zeit mit euren Lieben und dass euch dieser Artikel vielleicht ein kleines bisschen zum Nachdenken angeregt hat.

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3 Discussion to this post

  1. Anne Katrin sagt:

    Ich bekam gerade gänsehaut als ich diesen artikel las. Wirklich tolle aktion mit der man auch mal hinter die Fassade der shoppinggassen schauen kann:)

  2. Beautype sagt:

    Ein toller Artikel und vor allem eine tolle Aktion, die ich so noch nicht kannte. Du hast Recht, man verschließt nur zu oft die Augen, bleibt in seiner Welt, ist mit einem Schubladen-Denken belegt ohne hinter die Fassade zu schauen. Ich war dieses Jahr das erste Mal in Düsseldorf und habe mich in diese wunderschöne Altstadt verliebt, der Blick für alles andere war nicht da. So ist das Großstadtleben. Ich komme selbst ursprünglich aus Berlin und kannte diese Stadt wie meine Westentasche, kannte die schönen Plätze und die ‚unschönen‘. Straßenmusik, Obdachlosenzeitungen haben mich täglich begleitet, aber auch hier, ohne mich weiter damit zu befassen – es ist eben wie eine fremde Welt, vor der man die Augen verschließen und sie nicht an sich heran kommen lassen möchte. Ich werde die fiftyfifty Stadtführung für meinen nächsten Düsseldorf Besuch im Kopf behalten, denn du hast Recht, vermeintlich kleine Gesten, können für andere riesengroß sein…
    In diesem Sinne wünsche ich dir ein schönes Weihnachtsfest mit deinen Liebsten <3

  3. Binara sagt:

    Die Idee finde ich echt toll. Ich denke bei dieser Kälte oft daran, dass es wohnungslose Menschen gibt, die frieren müssen, während ich in meinem warmen Bett liege.
    Falls es das in meiner Stadt geben würde, würde ich auch gerne teilnehmen.

    Liebe Grüße
    Binara

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